Und die anwesenden Schülerinnen und Schüler wollten alles genau wissen. Etwa, wie sehr sich der zuvor von ihnen angeschaute Spielfilm an die historischen Fakten hielte, was mit den von ihren Eltern getrennten jüdischen Kindern passiert sei, wie Oskar Schindlers Verhältnis zu seiner Ehefrau gewesen wäre und ob seine NSDAP-Mitgliedschaft nur opportunistisch motiviert gewesen sei. Auf diese und andere Fragen konnte Frau Trautwein Auskunft geben, vor allem auch, weil sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Dieter im Jahre 1967 Oskar Schindler persönlich kennen gelernt hatte, der seinerzeit verarmt in Frankfurt lebte. Bei den Ausführungen der Zeitzeugin wurde deutlich, wie widersprüchlich die Person Schindler gewesen war. Zum einen offensichtlich ein Lebemann, der nicht viel von ehelicher Treue hielt und gerne auf großem Fuß lebte, aber doch ist dieser Bonvivant und gelegentliche Hasardeur dann zum wahren Helden geworden. Schindler nutzte selbstlos das eigene im seinerzeit noch andauernden Krieg erwirtschaftete Vermögen, um ,seine’ Juden, die Arbeiterinnen und Arbeiter seiner Emaillewaren-Fabrik vor dem rassistischen NS-Vernichtungsprogramm zu bewahren, wobei er überdies immer wieder erhebliche persönliche Risiken eingehen musste. Dabei kam ihm, so Ursula Trautwein, seine gute Menschenkenntnis zustatten, die ihn stets die richtigen Worte und Bestechungsmittel finden ließ. Und vermutlich war es dann auch die Menschlichkeit des Oskar Schindler und die daraus resultierende Weigerung in den Juden, entgegen der allgegenwärtigen NS-Ideologie und Propaganda, etwas anderes zu sehen als Menschen, die das persönliche Motiv für seine Rettungstat bildete. Auf Grund derer hatte man ihm, diesem so anders denkenden und handelnden Deutschen, den die einzig und allein durch ihn überlebenden „Schindler-Juden“ treffend „Vater Courage“ nannten, schon lange vor dem Film ein anderes Denkmal gesetzt: einen Baum in der „Alle der Gerechten unter den Völkern“ der zentralen jüdischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

 

Neben regelmäßig stattfindenden Unterrichtsgängen der Abschlussklassen zur Gedenkstätte Hadamar, ist auch der jetzt stattgefundene Projekttag zum Holocaust-Gedenktag im Schulprogramm als Bestandteil historisch-politischer Bildungsarbeit an der Goethe-Schule fest verankert. Dementsprechend forderte Frau Melanie Jansing, die unlängst zur kommissarische Rektorin der Schule ernannt worden ist, in ihrer kurzen Eröffnungsrede als Konsequenz des Lernens aus der geschichtlichen Erfahrung des Völkermords an den Juden Europas „null Toleranz gegenüber jeglichem Antisemitismus“ und wandte sich auch gegen andere Formen rassistischer oder anderweitig motivierter Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen.

 

Die 1932 geborene Ursula Trautwein berichtete auch einiges aus ihrer Kindheit in Württemberg zu Zeiten der NS-Diktatur. Eindrücklich schilderte sie den Spagat zwischen den Indoktrinationsversuchen beim Bund Deutscher Mädel (BDM), für den Zwangsmitgliedschaft bestand, sowie seitens mancher Lehrkraft und dem Elternhaus, das der oppositionellen Bekennenden Kirche angehörte. Die christlichen und humanen Werte und Haltungen, die dort vermittelt wurden, durften nicht öffentlich gemacht werden, noch weniger das Wissen um das Schleusen von Flüchtenden aus Nazi-Deutschland in die nahe gelegene Schweiz, an dem Mitglieder ihrer weit verzweigten Familie beteiligt gewesen waren. Am Ende der sehr gelungenen Veranstaltung gab die Zeitzeugin ihren jugendlichen Zuhörern mit einem vorgelesenen Gedicht ihres mittlerweile verstorbenen Ehemannes Dieter Trautwein ebenfalls eine Botschaft für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft mit auf deren Weg: „Es wächst ein Baum in Israel, der sagt, was Mut vermag. Es wächst ein Baum in Yad Vashem, der Trägheit tief beschämt. Es wächst ein Baum in Israel, der fragt, wer heute hilft.“

 

   
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